|
Gebildebrot und Seelenkuchen - ein Beitrag zu Allerheiligen und Allerseelen von JOACHIM SCHRÖDER
Gebildebrot und Seelenkuchen
Doppelfest Allerheiligen/Allerseelen mit Danken und Gedenken im Mittelpunkt
Von
JOACHIM SCHRÖDER
Das ausklingende Kirchenjahr gedenkt an Allerheiligen/Allerseelen nicht nur der Verstorbenen, sondern auch dem Sterben der noch Lebenden. Das Kommen des Reiches Gottes, Buße und Weltgericht stehen im Mittelpunkt der liturgischen Betrachtungen der Kirchen.
Volkstümliche Bezeichnungen für Allerheiligen sind Godeshilligendach, Allersintentag (Rheinland), Helgona messa, helmisse. Der 1. November markiert den Winterbeginn und ist zugleich Auftakt in die "stille Zeit". Altes Jahresendbrauchtum und die gefeierte Einheit der Lebenden mit den Toten führten zu ausgelassenen Feiern. Das in die USA exportierte und von dort auch nach Deutschland schwappende Halloween-Brauchtum hat mit diesem Anlass nur noch wenig zu tun. Es ist eher eine Mischung von Karneval, Walpurgisnacht und Silvester in Verbindung mit ausgehöhlten Kürbissen - ein Party-Gag oder eine Art Winterkarneval.
Der Tag ist tief im Volksbewusstsein verankert, der von einer „Sippenfrömmigkeit” gespeist wird. Am Vortag von Allerseelen, dem Nachmittag an Allerheiligen, werden die Gräber mit Grün und Blumen (Astern und Chrysanthemen) geschmückt und ein „ewiges Licht” aufgestellt. Für das 16. Jahrhundert ist dies für Köln und die Eifel belegt, wo ein Gottesdienst und ein abendliches Gedächtnismahl dazu gehörten.
Nach altem christlichen Volksglauben, der auch in evangelischen Gebieten verbreitet war, stiegen die Armen Seelen an Allerseelen aus dem Fegfeuer zur Erde auf und ruhten für kurze Zeit von ihren Qualen aus. Zuwendungen für Arme, Mönche, Nonnen und Patenkinder (z.B. das Seelspitzbrot, ein Gebildebrot, oder Seelenkuchen, Seelenbrote, Seelenzopf, Allerseelenbrötchen), aber auch spirituelle Gaben wie Gebet, Licht und Weihwasser prägten diesen Tag.„Um der armen Seelen willen” heischten die Kinder früher auch mancherorts und erhielten Äpfel, Getreide, Mehl, Schmalz, Geld und vor allem Brot. Es gab Gegenden, wo die Kinder auf den Gräbern kleine Münzen suchten und fanden, die dort hingelegt wurden, damit sich die Kinder von dem Geld „Seelenbirnen” oder Gebäck kaufen konnten.
In früheren Jahrhunderten findet man auch abergläubische Bräuche an Allerseelen. Die Gräber wurden mit Weihwasser bespritzt - weniger, um sie zu segnen, als um die Qualen der Seelen in der heißen Hölle zu lindern. Man stellte Speisen auf das Grab (Brot, Wein, Bohnen) und zündete Kerzen an. Das Licht auf den Gräbern wird verschieden gedeutet: Es soll die Seelen anlocken und ihnen den Weg zu dem Ruheplatz des Körpers weisen oder es soll die Seelen wärmen. An anderen Orten ist das Licht eine Schranke zwischen den Lebenden und den Toten oder es vertreibt die bösen Geister.
Nicht nur auf dem Friedhof, auch zu Hause pflegt man die Toten: Speise und Trank (Milch, Wasser, Brosamen) bleiben auf dem Tisch stehen. Im Tal der Mosel aß man am Abend von Allerseelen Hirsebrei, weil angenommen wurde, dass so viele Körner man isst, so viele Seelen man aus dem Fegfeuer befreit. Das Herdfeuer bleibt Tag und Nacht brennen, denn besonders die Seelen, die die „kalte Pein” erlitten, sollten sich wärmen können. Man stellte in den Räumen brennende Lichter auf, vor denen die Lebenden für die Ruhe der Seelen beteten. Das Licht sollte den Seelen zum ewigen Licht verhelfen. Die ganze Nacht über brannte ein Licht, das nicht mit Öl, sondern mit Fett oder Butter gespeist wurde, damit die Seelen ihre Brandwunden kühlen konnten.
Wer sich in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen ins Freie wagte, war in Gefahr zu sterben, denn Spuk und Zauber drohten und alle Geister und Dämonen hatten freies Schalten und Walten. Am Tag selber war einiges verboten, so das Säen von Korn oder die Spinnen. Und durch „Totenbahrenziehen” konnte man angeblich alles erhalten, was man sich wünschte.
Mit dem Allerseelentag endete in früheren Jahrhunderten das alte Wirtschaftsjahr, das neue begann mit Martini am 11. November.
|