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Brauchtum allgemein
Heute gibt es bei den traditionellen Brauchhandlungen wie etwa St. Martin, Fastnacht, Kirmes oder Fronleichnam bisher nur geringe Einbußen an Brauchtumsinhalten. Hier haben sich im Kern die wesentlichen Elemente erhalten. Kleinere Veränderungen an Methoden oder technischen Vorgaben sind hinzunehmen und kosten den Brauch kaum essentielle Abzüge.
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Träger dieser teils vollkommenen Brauchtumshandlungen sind bis heute vielfach dieselben geblieben: es handelt sich zumeist um kirchliche Gruppen, Vereine oder dörfliche Veranstalter.
Mit der zunehmenden Entleerung der Kirchenräume, ja sogar verschiedentlicher Austritte aus der Kirche selbst in unserer ländlichen Gegend, sind folgerichtig einige Bräuche gekürzt oder inhaltlich verändert worden. So findet beispielsweise der Blasiussegen nicht mehr in jedem Falle statt, wegen des Mangels an Priestern auch öfters in Form einer Generalspende. Auch die Segnung der Kräuter am Fest Mariä Himmelfahrt oder die Kerzenweihe am Lichtmeßtag sind nur noch selten üblich. Die Spendung des Aschenkreuzes ist weiterhin beliebt, der Besuch des Gottesdienstes am Aschermittwoch dagegen rückläufig.
Ähnlich sieht es aus, wenn wir jahreszeitlich geprägte, traditionell bäuerliche Bräuche aus heutiger Sicht untersuchen. Die technische Revolution auf dem Bauernhof und das Sterben von ganzen Gehöften sind eine Ursache für den starken Rückgang vieler ländlicher Bräuche. Der Einzug der Medien in die letzten Bauernstuben und moderne Wetterbefragungsmethoden lassen kaum noch Raum für alte überlieferte Traditionen.
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Der Glauben an die Abwehrkräfte des Palmwischs oder des Johanniskranzes und der Aberglaube der Fruchtbarkeitskulte fielen den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft zum Opfer. Verkürzt kann man vielleicht sagen: Was kann eine brennende Kerze gegen einen Blitzableiter ausrichten? Heute, da die elektrische Christbaumbeleuchtung und glitzerndes Gefunkel am Fensterrahmen die wundersam brennenden und duftenden Wachskerzen längst verdrängt haben.
Damit einhergeht wie selbstverständlich der Rückzug traditioneller Musik, besonders des häuslichen Gesanges. Statt Adventslieder und Hausmusik lockt da eher das Rockkonzert mit kreischendem Jungvolk oder statt des Kirmestanzes die Disco.
Der Glaube an die Allmacht der Wetterregeln, in Jahrhunderten systematisch notiert und organisch zu einem Bauernkalender gewachsen, ist fast gänzlich verschwunden. Zwar registriert man die Eisheiligen, wenn unerwartet die Maifröste einsetzen, aber die überzeugende Kraft des „Glaubens" ist verlorengegangen. Lichtmeß und Johannistag, Allerheiligen und St. Martin haben als Los- und Fristtag keine Bedeutung mehr. Wofür auch? Eine diesbezügliche Orientierung ist nicht mehr nötig. Da gibt es schon andere Orientierungshilfen im Kalender: Sommerfest, Motorradrennen, Flohmärkte und regionale Ausstellungen.
Zumindest im bäuerlichen Umfeld erinnert man sich der Bittgänge und Wallfahrten, die früher für jeden Menschen „Pflicht" waren. Geblieben ist lediglich die streng organisierte Fronleichnamsprozession mit Straßensperren und Lautsprecher; für manche vielleicht die Gelegenheit, mal wieder „ins Gespräch" zu kommen oder frische Luft zu tanken.
Doch nicht nur von Verkümmerung, Entleerung und dem Aussterben gewisser Normen und Werte wollen wir hier reden. In den letzten Jahrzehnten haben sich auch neue Bräuche herausgebildet; ebenso wie neue Formen des Umgangs miteinander oder Neuorientierungen in sozial-kultureller Sicht. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das soziale Engagement verschiedener Gruppen und Vereine. Veranstaltungen der Frauengemeinschaft wie zum Beispiel Adventsbasare oder der Verkaufsstand in der Kirche für die Dritte Welt verdienen großen Respekt. Ebenso Aktionen zugunsten bestimmter Förderprojekte im eigenen Umfeld, z. B. für die Sanierung eines Denkmals, strahlen positiv aus, bilden Gemeinschaft, „Teamgeist" und zeugen von Kreativität. Theater- und Heimatabende erfüllen einen durchaus hohen Anspruch und finden viel Zuspruch. Das kulturelle Bild der Dörfer ist vielfältiger und auch diffuser geworden. Differenzierung und Beschränkung nach dem Motto „Weniger ist mehr" tut im Hinblick auf die Vielzahl der „offenen" dörflichen Feste not.
Wie zu ersehen ist, sind gewisse Brauchtumsträger neu entstanden. Auch haben sich Bräuche auf andere Träger verlagert, um der Organisation und der Perfektion willen. Wo früher Spontaneität und lockeres Beisammensein gefragt war, dominiert heute das Management. Der Martinstag ist eine Veranstaltung der Schule, das Maibaumstellen Sache des Gemeindearbeiters oder Bauhofes, die Bewirtung beim Sportfest Angelegenheit der Feuerwehr.
An die Stelle gewisser Feiertage, die, wie Fronleichnam, einst mit viel gesellschaftlichem „Beiwerk" vermischt waren - man traf sich zu gemeinsamer Vorbereitung und geselligem Abschluß - ist heute häufig ein Ersatz getreten: das Reisen. Ausflüge und Fahrten, organisiertes Wandern mit Grillpartys haben Konjunktur. In unserer Zeit mit Billigangeboten nach Mallorca und Florida bleibt kaum noch Platz für die Pflege des heimischen Brauchtums und der Kultur. Das Fernsehen ersetzt nicht nur das Familiengespräch, die nachbarschaftliche Kommunikation oder das Begegnen unter der Dorflinde. Es verdrängt auch traditionelle Brauchtumspraktiken: das Eierfärben vor Ostern, den häuslichen Krippenbau oder das Nähen der Fastnachtskostüme. Eier gibt es im Supermarkt, Krippen per Otto-Versand und Kostüme im Verleih.
Als neue Träger haben sich neben Vereinen die Gemeinde, Pfarreien, Schulen, Kindergärten, Förderkreise und Frauengemeinschaften herausgebildet. Vielfach haben diese Vereinigungen jedoch nicht die Traditionspflege auf ihre Fahnen geschrieben, sondern verfolgen wohltätige oder gemeinnützige Zwecke. Geschichts-, Wander- und Heimatvereine werden dem Anspruch der Brauchtumspflege wenigstens teilweise gerecht.
Mit freundlicher Unterstützung von Joachim Schröder
Titel: Brauchtum allgemein
Autor: Joachim Schröder
Copyright: © by Joachim Schröder
gepostet von Joachim Schröder am:
Date: 02.09.2008 21:29
Internet: www.joachim-schroeder.com
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