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Immerwährender Eifeler Bauern- und Hauskalender (Gebundene Ausgabe)
von Joachim Schröder (Autor)
"Widder Ungewitter, Gespenst und
Nachstellungen...!
allerley
Die Glocke im Volksglauben der Westeifel
Glocken: Sie sind seit jeher in der Volkskultur der Menschen wertvolle Weggefährten und Begleiter durch alle Höhen und Tiefen des Lebens. Sie rufen zum Gottesdienst, mahnen zum Frieden, spenden Trost und Freude. Glocken drücken die Gefühle der Menschen aus, verbinden miteinander, laden ein, begrüßen. Welch einen Stellenwert besaßen sie! Auch heute noch? Hin und wieder hat man das Gefühl, sie seien bei einigen (betont: bei einigen!) nicht mehr so beliebt. Da gibt es sogar Zeitgenossen, die sprechen im Zusammenhang mit dem morgendlichen „Gebimmel" von „Glockenterror". Diese Ansicht zeugt von wenig Gespür für die Sensiblität der Menschen, denen die Glocken auch heute noch etwas bedeuten. Unter „Terror" verstehen diese Menschen etwas anderes: eher jene Zeit, in der die ehernen Kronzeugen von den Kirchtürmen gestürzt, um als todbringendes Kanonenfeuer missbraucht zu werden. So ändern sich die Zeiten und mit ihnen die Menschen und die Meinungen!
Die Wertschätzung der Glocken war in früheren Zeiten immer sehr groß. Dies trifft insbesondere für die Westeifel, jenem zähen Reliktgebiet des Trierer Volkstums, und für die ostbelgischen Gebiete zu. Diese Volksmeinung hängt eng zusammen mit dem Wetterglauben und Wetterbrauch der ländlich und religiös geprägten Ansicht der Menschen in dieser Grenzregion. Unter den Naturerscheinungen sind die Frühjahrsfröste und die Gewitter mit Donner, Blitz und Hagelschlag die nachhaltigsten; zugleich galt und gilt diesen Wetterphänomenen die ganze Sorge, das Nachdenken und das Beten. Um den Schrecken zu mildern und Schaden abzuwehren, um ein christlichsymolisches „Bollwerk" dagegenzuhalten, ist die (Wetter-) Glocke zum Inbegriff dieser Denkart geworden.
Seit altersher lebendig war der Volksglaube an die Wetterzauberei. Nicht zuletzt ist hierin der Grund zu erblicken, dass die Verfolgung der Hexen in den Augen vieler Menschen als gerechtfertigt erschien. Nach der allgemeinen Anschauung des Mittelalters waren die Hexen mittels eines Pakts mit dem Teufel fähig, Gewitter, Hagel und Fröste herbeizuzaubern und so der Bevölkerung Schaden zuzufügen. Die Bulle Innozenz VIII. von 1484 bezeugt, dass die Ideen der Wetterzaubereien auch in der Kirche bekannt waren. Eine Schrift des Trierer Weihbischofs Binsfeld (+ 1598) lehrt, die Zauberer könnten durch die Verbindung mit den bösen Geistern Krankheiten verursachen und Unwetter hervorbringen. Trotz der „cautio criminalis" des großen Jesuiten Friedrich von Spee blieb dieser Glaube an wettermachende Hexen noch lange in der Eifeler Bevölkerung lebendig. Zahlreiche Volkssagen (s. Zender) belegen diese Meinung. Der Name „Dimmerhex" gilt bis heute als Bezeichnung für eine streitsüchtige Frau und entstammt dieser Denkart. Der Prümer Mönch Caesarius erzählt, dass der Blitz einen sündhaften Priester des Bistums erschlagen hat, als dieser bei einem Gewitter die Glocken läutete. Weitere Beispiele ähnlicher Art gibt es aus der Mosel- und Eifelregion.
Schon in der Antike herrschte die Meinung vor, dass Gewitter das Werk von Dämonen seien, dem man vor allem mit Schlagen, und Schreien, Schellen und Klappern beikommen könne. Viele dieser Bräuche gelangten auf literarischem Wege in das mittelalterliche Schrifttum und dann in das volksläufiges Denken und Handeln unseres Landes. So wurde das gebräuchlichste Mittel im Abwehrkampf gegen Gewitter und „allerley Nachstellungen" das Läuten der Glocken. Man glaubte zunächst, dass nach physikalischem Gesetz der Schall die Kraft besäße, Zauber zu brechen und Dämonen zu verjagen, in der Annahme, starker Lärm treibe die Luft nach oben. Die schädlichen Einwirkungen der Gewitterwolken könne man so bannen. Der religiöse Bezug wurde erst späters so begründet, dass man den Glocken durch ihre Weihe eine fürbittende Kraft zusprach. Bei der Glockenweihe oder wie der Volksmund sagt - „Taufe" heißt es bis heute: „... die Macht des Feindes, die Schatten der Phantasmata, den Anprall der Wirbelwinde, den Blitzschlag, die Schäden des Donners, die Gewalt der Steine, das Krachen des Hagels und die Kraft der getauften Glocke seien geeignet, die Gewitterdämonen zu vertreiben. Für diese Glaubensauffassung der Menschen gibt es eine Fülle von Zeugnissen und Glockeninschriften. Der Straßburger Domprediger von Kaisersberg (+ 1510) predigt: „... das man widder das wetter leutet, das man mit dem leuten den bösen geist vertreibt, so sie hören die trummeten gotes." Auch die Volkssage der Westeifel weiß von dem Glockenklang, „der die Hexen als Wettermacher vertreibt". Das Weistum der Pfarrei Großkampen sagt im Jahre 1532, dass der Küster, zu dessen Dienstobliegenheiten das Gewitterläuten gehörte, bei einem gefahrvollen Gewitter „mit dem Läuten anfangen und mit der Zeit sollen die Nachbarn helfen beim Läuten, wei es alle angeht..." Auch Nikolaus von Kues, der als Berater bei der Visitation des Jahres 1628 in der westlichen Eifel fungierte, kennt in seiner „Christlichen Zuchtschul" den Brauch (1631): „Wanns donnert oder hagelt, leutet man die Glocken." Die Gründe, die auch er anführt, sind bekannt:
„1. Damit wir dadurch ermahnt werden zu beten
2. Damit die Teufel und Zauberer sich nicht darin mischen und Schaden zufügen wie sie dann pflegen zu tun."
In vielen Kirchenweistümern, Notariatsverträgen und anderen Dokumenten wird das Wetterläuten zur Pflicht erhoben. Hierüber ist bei Oster (Geschichte der Pfarreien) eine Fülle an Belegen zu erhalten. In Fleringen war es um 1850 noch Sitte, bei einem Gewitter zu läuten. In diesem Ort ging die Tradition, der Blitz habe nie eingeschlagen, so lange man geläutet habe. Nach einmaligem Versäumnis habe er auf Menschen und Vieh geschlagen. Aus Biersdorf heißt es in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, dass man der Meinung sei, der Schall teile die Wolken. War jedoch das Gewitter über dem Ort, so hörte man mit dem Läuten auf, weil man fürchtete, dadurch einen Wolkenbruch zu bewirken.
Sehr verbreitet war in der Eifel auch das nächtliche Läuten gegen die Nachtfröste. Doch dieses Brauchtum wurde durch ein Verbot der bischöflichen Behörde „wegen der Teilnahme von Frauen" bald untersagt. Es folgten reihenweise Erlasse, statt des Läutens „mehr auf das Rosenkranzgebet, die Allerheiligenlitanei oder Maiandachten zurückzugreifen", um Ärgernisse zu vermeiden. Diese Vorschriften wurden jedoch in den
wenigsten Fällen beachtet, wenngleich sie zum Teil harte Strafen vorsahen, wie Oster berichtet.
Der Trierer Kurfürst Klemens Wenzeslaus erreichte 1783 ein in Teilen befolgtes Verbot. „Rückfälle" wurden dem Polizeirichter überantwortet. In der Tat trat aber nun allgemein eine Besinnung auf Gebet, heilige Handlungen wie Segnung des Hauses durch Kräuter, der Beginn der Maiandachten und andere religiöse Formen in den Vordergrund. Andererseits gibt es Quellen, die ein hartnäckiges Festhalten am Wetter- und Frostläuten im Mai bekunden.
Wertvolle Quellen für die Geschichtsforschung unserer Heimat sind die Glockeninschriften. Auch wenn diese oft sehr wortkarg und kurz, darüber hinaus oft wenig differenziert und starr formuliert sind, so geben sie doch wichtige Hinweise auf die Volkskultur unserer Landschaft.
Vielfach begegnen wir auf den Inschriften den Namen oder Kürzeln der vier Evangelisten. Die ersten Evangelistennamen eschienen im Altkreis Prüm: 1470 in Duppach und 1588 in Niederprüm. Erst nach 1500 werden die wetterkräftigen Namen der Evangelisten zurückgedrängt zugunsten von Bittrufen gegen Gewitter, Blitz und Donner, Hagelschlag und Maifröste. Dennoch blieb es bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts üblich, das Johannesinitium in den Sommermonaten, solang die Frucht auf den Feldern stand, am Schluss der Messe als Segensgebet zum Schutz der Ernte zu singen. Als Entgelt für das Absingen erhielt der Pfarrer im Herbst von der Pfarrei eine Haferspende („Sanghafer") oder einen Hammel („Sanghammel"). Letzteres wird 1669 aus Pronsfeld berichtet.
Andere häusliche Kultformen bei herannahendem Gewitter waren das Verbrennen von Krautwischteilen oder Palmzweigen, das Verlesen des Johannesevangeliums oder das Rosenkranzgebet. Sogenannte Johannesglocken läuten im Altkreis Prüm gegen Gewitter in Hermespand (seit 1555), im Kreis Daun in Auel (seit 1473), in Brück (seit 1749) und Hillesheim (seit 1775).
Eine Reihe von Glockeninschriften ist in lateinischer Sprache verfasst und auf den Lobpreis Gottes fixiert: „Sonet vox tua in auribus meis..." oder „Laudo deum, lemdem voco..." usw. Durch das „fulgura frango" wird die Glocke eindeutig zum volkstümlichen Abwehrmittel gegen böse Wettergeister. Diese wetterbezogenen Texte sind zumeist in deutscher Sprache geschrieben und somit dem Volksmund entnommen. Das Brechen der Blitze gehört wie das Rufen zu Gottesdienst und Begräbnis zum Aufgabenreich der Glocke. Viele Inschriften betonen auch den wirklichen Auftrag zur Abwehr des Teufels und der Hexen. So klingen Volksglaube und Inschriften mit der Funktion der Glocke im Wetterläuten zusammen.
Einige Gruppen von Inschriften lassen sich abschließend zusammenfassen:
„Das Ungewitter verteibe ich" (auch „verstehe ich) in Olzheim und in Oberhersdorf
„Bos weclder verdriben ich" in Schwirzheim, Weinsfeld, Gondenbrett, Niederprüm, Duppach, Burbach, Olzheim
„Den Donner verdrieven ich" in Roth, Habscheid, Bleialf, Winterscheid
„Hagel, Blitz, Doner verdrieven ich" in Prüm und Büdesheim.
Der heilige Donatus wird im 18. Jahrhundert zum volkstümlichen Schutzpatron „gegen Ungewitter, Blitz, Donner, Sturmwinde und sonstige böse Einflüsse der Luft". Entsprechend sind ihm nach dem „Blitzwunder" bei Euskirchen mehrere Patrozinien und Glockeninschriften geweiht: in Wetteldorf, Weinsheim, Willwerath, Habscheid, Büdesheim und Arzfeld. Insgesamt gibt es im Bistum Trier 69 Donatusglocken.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts versuchte die kirchliche Behörde erneut, den Glauben an die Wunderkraft der Glocke zu „entzaubern". Von hier an verschwinden die wetterbezogenen Glockeninschriften, die so lange Zeit Ausdruck starken Volksglauben und -brauchtums waren. Erst in langem, zähen Ringen hat sich danach die kirchliche Sakramentalienlehre gegen den volkstümlichen Wetterglauben an die unmittelbare Abwehrkraft der Glocke durchgesetzt. An diese Stelle trat mehr und mehr das Gebet, die Andacht und die Prozession.
In unserer profanen und allzu säkularisierten Zeit wäre eine Rückbesinnung auf altes Glaubens- und Kulturgut angebracht. Mag auch früher das Brauchtum oft „missbraucht', die Glaubenskraft „fehlgeleitet" und der Aberglaube mit dem Glauben vereinbar erschienen sein, so ist diese Volkskultur doch ein Stück echter Lebensbewältigung und -Hilfe für unsere Vorfahren gewesen. Wie hieß es doch am Anfang: Glocken drücken die Gefühle der Menschen aus, verbinden, rufen zum Frieden, spenden Freude, Trost und Hoffnung. Davon kann heute nun wirklich keine Rede mehr sein.
Mit freundlicher Unterstützung von Joachim Schröder
Titel: Die Glocke im Volksglauben der Westeifel
Autor: Joachim Schröder
Copyright: © by Joachim Schröder
gepostet von Joachim Schröder am:
Date: 14.09.2008 06:44
Internet: www.joachim-schroeder.com
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