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Lohschäler, Gerber und Ledertauer
Von Joachim Schröder, Pronsfeld

Lohschäler, Gerber und Ledertauer

Zahlreiche Orts- und Familiennamen weisen auf ein altes Eifeler Gewerbe hin, das mit der Lohgerbung und Lederverarbeitung zu tun hatte. Lohberg, Terloh, Hohenlohe, Lohmann, Lohschelder, Löhrgasse, Löhrer, Lauer und Löhergraben sind hier nur einige Beispiele. Besonders in Gerberorten wie Prüm, Wittlich, Malmedy, St. Vith, Bitburg und Trier haben sich derartige Bezeichnungen erhalten. Trier war bereits 1245 Sitz einer aufstrebenden Gerberei. Im Jahre 1840 gab es im Rheinland die meisten Gerbereien, nämlich 1474 von 5614 im gesamten Preußen.

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts bildete die Gewinnung und Verarbeitung der Lohe einen bedeutenden Erwerbszweig der Bewohner in der Eifel. In den Bezirken Trier und Koblenz umfaßten die Schälwälder 460000 Morgen. Der Schieferboden der Eifel bot zur Gewinnung einer ausgezeichneten Lohe die besten Vorbedingungen. Das Gerbverfahren wurde in den Höhengebieten weiter begünstigt durch die kalkhaltigen Bäche und Wasserquellen.
In den Lohhecken wurde die glatte Rinde der jungen Eichen, die sogenannte Spiegellohe, zur Zeit des beginnenden Knospenauftriebs geschält. Unter Lohhecke verstand man einen Waldstreifen, der auch Schälwald oder Rindenwald hieß. Die Lohschalen wurden nach dem Schälvorgang mit einem Lohhammer zerkleinert und gemahlen. Das Mahlen geschah durch den Lohmüller auf den Rinden- oder Borkenmühlen, derer es in der Eifel etwa 100 Stück gab.
Die älteste Art der Lohgerbung war die Grubengerbung, wobei die von Haaren und Unterhaut befreiten Tierhäute, "Blößen" genannt, in Gruben mit gemahlener Lohe und Wasser versetzt wurden. Zur Lösung der Haare legte man die Tierhäute in mit Kalkmilch gefüllte Gruben. Diese Arbeit hieß Äschern oder Kälken.
Lange Zeit besorgten die Bauern das Gerben selbst. Anfänglich war die Gerberei reine Hauswirtschaft, erst im 18. Jahrhundert entwickelte sich diese Tätigkeit zu einem bäuerlichen Nebengewerbe, danach zu einem selbständigen Gewerbe.
"Es muß die Haut zur Lohe wandern", so ein alter Gerbergrundsatz. Der Gerber war eigentlich der Garmacher, der es mit der Zubereitung von Fellen zu tun hatte. Mancherorts hieß er auch Feller oder Peller. Je nach der Anwendung der Gerbstoffe führten die Gerber ihre verschiedenen Namen. Der Loh- und Rotgerber benutzte die pflanzlichen Gerbstoffe, vor allem die Rinde der Eiche. Er hieß Rotgerber, weil das Leder beim Gerben mit Lohe einen rotbraunen Ton erhielt. Unbestritten ist bis heute, daß mit der Eichenrinde im alten Lohgrubenverfahren das beste, aber auch das teuerste Sohlenleder gefertigt wurde. Weißgerber und Sämischgerber erzielten bei ihrer Arbeit andere Farbtöne, wobei das Verfahren allerdings dasselbe war. Um das Leder weich und geschmeidig zu machen, wurde es "gestollt", d.h. mit einem halbrunden Eisen, dem Stollmond, bearbeitet. Stollen waren die Stangen, worüber die Felle gezogen wurden und die auch die Weber für ihre Arbeit benutzten.
Die Abfälle der Gerberei fanden in der Landwirtschaft Verwendung. Hautabfälle, Haare und alte Lohe gaben ein vorzügliches Düngemittel. Aus den Sehnen und Fleischresten stellten die Leimsieder Leim her. Die Hörner kochte und walzte man, um Kämme herzustellen. Die von den Häuten entfernten Haare dienten der Filzherstellung.
Infolge der günstigen Vorbedingungen erhielt das mit Eichenlohe gegerbte rheinische Leder einen weltweiten Ruf. Eifeler Sohlleder wurden mit dem Fuhrwerk bis Leipzig und Breslau transportiert, die alte Handelsstraße, die sogenannte "Lederstraße", führte von Malmedy in die Lederstädte Frankfurt und Offenbach und ist bereits seit dem 17. Jahrhundert bekannt.
Die Gerberei brachte zeitweise Geld und Wohlstand in die "arme Eifel", berühmte Gerberfamilien gehörten zu dem rheinischen Lohadel. Sie standen in hohem Ansehen, umso verblüffender ist ein Erlaß von 1698, Lohgerbereien zur Vermeidung üblen Geruchs an die Ränder der Ortschaften und Städte umzusiedeln. Das Srichwort "Stinkig Fellche, klinkig Geldche" zeugt von wenig Toleranz der Bewohner im Umkreis von Großgerbereien wie z.B. in Prüm, Trier oder Malmedy.

In Prüm gab es an die 20 Gerbereien mit etwa 100 Beschäftigten (ohne die Familienmitglieder). Kleinere Betriebe waren in Schönecken, Waxweiler und Stadtkyll ansässig (11) mit etwa 20 Beschäftigten. Die Prümer Gerber verarbeiteten jährlich rund 25.000 Häute.

Während das rohgare Leder eine rotbraune Farbe zeigt und sich durch Härte und Zähigkeit auszeichnet, ist das weißgare Leder gekennzeichnet durch seine helle Farbe, Weichheit und Geschmeidigkeit. Die Weißgerberei verwandte mineralische Gerbstoffe, vor allem Allaun. Hieraus entstanden Produkte wie Handschuhe, Schuhfutter und Riemen aller Art. Weißgerber wurden auch "Ircher" genannt, die Leder aus Bocks- und Gemsfellen bereiten. Der Sämischgerber dagegen fertigte kleinere Felle aus Fett und Tran. Sie richteten insbesondere das früher viel gebrauchte Reithosenleder aus Wildfellen zu. Weiß- und Sämischgerber benutzten für ihr Feinleder vornehmlich Schaf-, Ziegen- und Kalbfälle. In alten Quellen stößt man häufig auf Ausdrücke wie "sämische Beutel" oder "sämische Senckel" (Riemchen). Alle Erzeugnisse dieses großen Gewerbes wurden auf den Eifeler und Stadtmärkten verkauft. In einer Jülicher Quelle heißt es: "die ledderbereiter und die mit den seimßen und allen anderen fellen umbgain und auf den jairmarkten verkaufen..."

Das lohgare Leder wurde von den Gerbern an die Ledermacher gegeben, damit diese es auf ihrer Werkbank, dem Getau, weiter verarbeiten konnten. Diese "Ledderreiter" oder "Ledderer" gaben Teile des Leders an Schuster, Sattler, Gürtler, Täschner, Beutler, Schildmacher und Riemer weiter, die ihre Produkte herstellten: der Beutler Handschuhe und Beutel, der Riemer Zäume, Wagen- und Pferdegeschirr, der Täschner Taschen und Etuis, der auch Koffer überzog und Felleisen anfertigte (Felleisen: Ranzen und Reisedecken aus Fell).

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts mußte die Lohgerbung der Chromgerbung weichen. Eisensalze und chromsaure Salze verdrängten die Lohe, dazu kam fremde Konkurrenz. Die Einfuhr ausländischer Tierhäute und Gerbemittel machte dem blühenden Gewerbe der Eifeler Löher und Gerber ein jähes Ende. Geblieben ist bis heute eine Vielzahl von Straßen- und Ortsnamen wie "Gerberweg" in Prüm oder "Weißgerbereck" in Köln.

Mit freundlicher Unterstützung von Joachim Schröder
Titel: Eifeler Handwerk
Untertitel: Lohschäler, Gerber und Ledertauer
Autor: Joachim Schröder
Copyright: © by Joachim Schröder
gepostet von Joachim Schröder am:
Date: 17.06.2009 15:45
Internet: www.joachim-schroeder.com


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