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Der Pfingstbutz
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Der Pfingstbutz

Markante Figur beim Wurmlinger Pfingstdreckreiten

Pfingstbutz, Pfingstdreck, Pfingstlümmel, Graskönig, Pfingstl und Wasservogel, mit solchen Bezeichnungen ist diese in Laub eingebundene Gestalt bedacht. Vereinzelt wird dieser Pfingstbutz heute noch von Schülern an Pfingsten durch die Ortschaften geführt. In Emmingen und in Pfrondorf im Schwarzwald werden in Begleitung des grünen Gesellen vor den Häusern überlieferte Sprüche hergesagt, in der Hoffnung eine kleine Gabe in barer Münze zu erlangen. Dieses Heischen wurde früher ausschließlich mit Naturalien bedient, welche später gemeinsam verzehrt wurden.

Eine Besonderheit unter den wenigen Pfingstbräuchen dieser Art, die noch Leben atmen, genießt ohne Zweifel das „Wurmlinger Pfingstdreckreiten“. Hier spielt ebenfalls der Pfingstbutz – oder Pfingstdreck wie er vormals auch genannt wurde - eine dominierende Rolle. Jedoch wird er am Fuße der Kapelle nicht wie oben herumgeführt – hier reitet der Pfingstbutz verhüllt in grünem Blätterkleid hoch zu Ross im Gefolge weiterer Pfingstreitergenossen wie: Maienführer, Dr. Eisenbart, Fähnrich, Henker usw. Nach einem Umzug durch das Dorf zum Reitplatz bittet ein Platzmeister um Gehör. Die Pfingstreiter sagen ihre althergebrachten Sprüche auf, an deren Ende der Pfingstbutz verurteilt und geköpft wird. Danach trägt einer die Pfingstpredigt vor, eine Auflistung bürgerlicher Ungeschicklichkeiten der letzten zwei Jahre. Der Maibaum steht schon bereit. Das Wettreiten ist der abschließende Teil der Aufführung. Im Festzelt findet dann die Siegerehrung statt.

Während man auf die eine oder andere Reiters Gestalt in der Not verzichten könnte – bei geringer Zahl der Jahrgangsburschen – ist der Pfingstbutz relevante Brauchtumsfigur ohne die das Wurmlinger Pfingstreiten nicht existieren könnte. Ohne Pfingstbutz verliert dieses Reiterspiel Fundament und Sinn, denn er ist wohl das einzige Relikt das über die Jahrhunderte seine individuellen Züge kaum eingebüßt hat. Der Pfingstbutz ist Ursprungsmerkmal des Wurmlinger Pfingstbrauchtums. Und deshalb lässt sich nur an ihm diese Tradition einer Deutung zuführen, da er die Geschichtszüge diese Sitte in sich trägt. Seine Gefolgsleute sind meist Resultate neueren Datums. So z.B. die Person des Dr. Eisenbart: Johann Andreas Eisenbart war ein erfolgreicher und zuverlässiger Wundarzt dessen Operationsmethoden bei Hodenbruch, Wasserbruch, Kropf und Star sogar von der Schulmedizin übernommen wurden. Die Marktschreier – Methoden, mit denen Eisenbart auf sich aufmerksam machte, ließen ihn als Quacksalber und Kurpfuscher erscheinen. Er beschäftigte gar Spaßmacher und Komödianten als auch Musiker. Und so entstand das bekannte Lied vom „ Dr. Eisenbart“, welches der hiesige Pfingstritt ja beinhaltet. Eisenbart lebte von 1663 bis 1727.

Das Wurmlinger Brauchtum ragt weiter in die Geschichte hinauf als Eisenbarts Berühmtheit. Nur durch die Betrachtung des Pfingstbutz lässt das Reiterspektakel sich ergründen. An seine Ferse möchte ich mich nun klammern und versuchen mit ihm hochzugehen in vergangene Jahrhunderte, als man seine Wesensmerkmale noch verstand und er primärer Faktor im damals ausschließlich bäuerlichen Leben war.

Wie oben schon erwähnt wurde früher der Pfingstbutz in Wurmlingen – wie auch andernorts – Pfingstdreck – genannt. Heute noch wird der Wurmlinger Brauch meist von älteren Bürgern auch „Pfingstdreckreiten“ geheißen. Dass der Begriff „Pfingstdreckreiten“ von im Dreck reiten herrührt ist teils auch die Meinung des Volksmundes.

Sehen wir den Pfingstbutz in seiner eingebundenen Laubkleidung und ziehen die Vokabel „Pfingstdreck“ in unsere Aufmerksamkeit mit ein, so liegt der Gedanke nicht fern, dass dieses Wort Pfingstdreck Geschichtliches in sich enthält.

Der Pfingstbutz nimmt ohne Zweifel durch sei grünes Blätterkleid eine reckenhafte Gestalt an. So wird der volkstümliche Pfingstdreck zu einem geschichtlichen Pfingst-reck. Für die schwäbische Zunge ist es natürlich einfacher mit Pfingstdreck zu antworten. Pfingstdreck oder Pfengschddreck ist eben unserem Dialekt zuträglicher. Es kann daher nicht gesagt werden das „Pfingstdreckreiten“ beinhalte eine meist im Dreck stattfindende Reiteraufführung des hiesigen Brauchtums, wenn es auch Jahre gab, in denen das Reiterspiel durch Regenfälle eine schmutzige Angelegenheit war und so ein „Dreckreiten“ nahelag. Dieser Wurmlinger Begriff beinhaltet altertümliche Züge der heimischen Tradition: „Das Reiten mit dem Pfingstdreck“. Ein Wort der Überlieferung welches den Kern der Sitte beherbergt. Das Pfingstdreckreiten ist gleichzusetzen mit Pfingstbutzreiten.

Der Pfingstritt lässt sich in die große Vielfalt der Maifeste einreihen. Dieses christliche Datum vom Beginn der Urkirche hat überhaupt viele Bräuche an sich gezogen. Pfingstsitten und Maibräuche sind im Wesentlichen gleich. Sie besitzen meistens den Kern von Fruchtbarkeitsritten und Wachstumsbeschwörungen sowie noch ein letzter Rest von Winteraustreibung. Dies spiegelt auch der Name des fünften Monats, der nach der Göttin des Wachstums der Erde, der Fruchtbarkeitsgöttin Maja benannt ist.

Eingangs wurde der Pfingstbutz u.a. auch Wasservogel genannt. Diese Nennung ist eine wertvolle Hilfe in der Deutungserklärung unseres Pfingstbutz: Zur Herbeiführung von Regen wurde der Pfingstdreck benötigt. Betrachten wir eine ältere württembergische Sitte, von der nur noch geringe Überreste erhalten sind. Bis weit ins 19.Jahrhundert hinein wurde an Pfingsten ein solcher Regenzauber mit dem sogenannten Pfingstbutz, Pfingstdreck oder Pfingstlümmel vorgenommen.

„Pfingsten in Rangendingen. Wie in Wurmlingen bei Rottenburg hieß auch hier der Pfingstbutz – Pfingstdreck. Ein Reiterzug von 24 bis 30 ledigen Burschen zu Ross sprengten zweimal das Dorf aus und ein und dem Walde zu. Dort ward gstocha; der letzte beim Stechen musste Pfingstdreck sein und ward in Rinden eingehüllt und ritt im Zuge herein ins Dorf. Der 1. erhielt den Säbel; der 2. die Standari; der dritte den Maien und ebenso der 4. und 5. Die Maien wurden auf die Brunnen gesteckt. Der Pfingstdreck musste bei jedem der 3 Brunnen ins Wasser stehen und den Gäulen in einem Schäpfle Wasser geben; daneben schütte er Wasser auf die Volksmenge“. Volkskundler Prof. Birlinger überliefert dies 1874 und berichtet an anderer Stelle: Im schwäbischen obern Neckartale begegnet uns der Pfingstdreck; wahrscheinlich Pfingst-reck zu sprechen, neben diesem figuriert überm Neckar und weiterhin der Pfingstbutz und allgemein der Pfingstlümmel. Der Brauch einen in Laub oder Reisach zu kleiden, ist allen Gegenden gemein; ebenso das Untertauchen ins Wasser, ferner geht dem eigentümlichen Feste der Wettritt voran: der Letzte, der Unansehnlichste, der Schwächste muss Pfingstvogel, Butz, Lümmel werden. Am Neckar wird der Letzte beim Reiten der Pfingstdreck...<<

Pfingstlümmel, dieser Name gibt unverfälschte Auskunft was für Personen früher diese Figur begleitet haben: Unansehnliche, Schwache, beim Reiten der Letzte. Teilweise wurden auch Ringkämpfe absolviert bei denen der Pfingstlümmel – in unseren Breiten der Pfingstbutz oder Pfingstdreck – durch den Unterlegenen markiert wurde. Verständlich – wer unterzieht sich gerne freiwillig einer der genannten „Wasser-Prozeduren“, die ja gewiss nicht angenehm sind. Im Jahre 1858 wird vom hiesigen Pfingstdreckreiten über die Ermittlung des Pfingstbutz erzählt: „Eine Anzahl junger Burschen begab sich zu Pferd nach dem Mittagsgottesdienst in den obern Wald. Allda wurde der Pfingstdreck,…erwählt“. Birlinger der dies berichtet spricht von erwählt. Mit der Erwählung könnte das Wettreiten in den oberen Wald gemeint sein, wobei der „Letzte“ Pfingstbutz sein musste.

Weshalb dieses Reiten in den oberen Wald? Den Pfingstbutz zu wählen wäre doch innerhalb des Dorfes besser zu bewerkstelligen. Das Einbinden durch herbeigeschafftes Reiß im Flecken – wie es heute geschieht – liegt doch näher, wäre logischer. Dieser Hinweis ist von großer Wichtigkeit, lässt er doch die früher übliche Bestimmung des Pfingstdreck bzw. Pfingstbutz leicht erkennen. Der Letzte beim Wettrennen, der Letzte der im oberen Wald ankam. Die Möglichkeit den u.a. auch Pfingstlümmel genannten an jener Person festzumachen, die morgens als letzte aufsteht war damals auch Sitte. Gleiches finden wir heute noch am Palmsonntag. Wer möchte schon gerne Palmesel sein? Im altbayerischen wird der Pfingstochse scherzhaft auch als Langschläfer bezeichnet. Hierin erkennen wir eine weitere Methode von früher den Pfingstbutz zu bestimmen. Auch der Wurmlinger Spruch , welcher dem grünen Gesellen eigen ist, lässt diese Art der Bestimmung deuten: „ Ich bin um halb sechse vor der Bettstatt gstanda; Ich hab gelost und gedost, Ob niemand reit oder fahrt; Dass ich nicht der Allerletzte ward; Der Allerletzte bin ich worde; Dees Ding hat mi sakrisch gschora:...<<

Doch zurück zum Regenzauber. Breits Bischof Burchard von Worms (967 – 1025) erwähnt, dass die Mädchen in Hessen und am Rheine die kleinste aus ihrer Mitte entkleideten, mit Laub umhüllten und an die Stelle führten wo Binsen wuchsen, ihr diese an die rechte Fußzehe banden und sie mit Laubzweigen in den Händen an den nächsten Bach führten, mit ihren Büscheln Wasser über sie sprengten und schließlich heimzogen: alsbald ergoss sich Regen.

Indische, griechische, römische, slawische und deutsche Bräuche stimmen hier überein, dass man bei Dürre Wasser ausgoss, um für das nächste Jahr hinreichend Regen herab zu locken. Gleichfalls uralt ist die Sitte, einen in Laub gekleideten Mann oder eine nackte Jungfrau mit Wasser zu begießen, um durch das Begießen das himmlische Nass herab zu zaubern. Eine Ähnlichkeit von Regenzauber zum früheren Pfingstbutz ist nicht zu leugnen. Diese Regenmagie und die damit verbundene Wachstumsbeschwörung und vielleicht einhergehende gute Ernte, ist ein schlummerndes Relikt aus der Zeit einer Götterverehrung.

Dass die Figur des Pfingstbutz größtenteils nicht mehr verstanden wird verwundert nicht, da er durch die Jahrhunderte sein Wesensmerkmal zwar erhalten hat aber seinen Naturursprung zwangsläufig einbüßen musste, weil sich auch das Verhalten der Menschen zur Natur änderte, was folgend zum Ausdruck kommt:

„Was dem Menschen selbst Freude machte, das musste nach alter kindlicher Auffassung auch den Göttern Freude bereiten. Nicht nur Opfergaben stimmten die Himmlischen gnädig, sondern auch die Spiele, die ihnen zu Lust und Ehren veranstaltet wurden. Je mehr man seine Geschicklichkeit und Gewandtheit zeigte, um so huldvoller mussten die Götter dreinschauen. Ein heldenhaftes Volk findet Gefallen an kriegerischen Vorführungen, an Spielen, die Mut und kühnes Wagen offenbaren. Wie bei den Griechen, so gehörten auch bei den Deutschen Wettläufe und Wettrennen als heilige Kulthandlungen zu den Frühlings - und Erntefesten. Der Wettlauf und das Wettrennen, letzteres von den Rosshirten abgehalten, reichen in eine Zeit zurück, wo die Deutschen noch überwiegend von der Viehzucht lebten, wenn sie auch daneben Ackerbau trieben. Durch das Abhalten dieser Spiele wollte man den Göttern dafür einen Dank abstatten, dass Weide und Wiese, Feld und Flur wieder in grüner Pracht standen und Hirten und Herden reiche Nahrung boten. Zu Fuß und zu Roß veranstalteten die Hirten und die Bauern ein Wettrennen bei dem großen Dankfeste das der segenspendeten Gottheit geweiht war. Das Ziel des Laufes war im Frühling der Maibaum oder Maibusch, ein junger Laubbaum (Birke, Buche) mit Tüchern und Bändern geschmückt, er war das Abzeichen des sommerlichen Himmelsgottes.

Die Wettläufe oder Wettrennen im Mai oder an Pfingsten eröffnen also die feierliche Festhandlung, an sie schlossen sich dann Opfer, Schmaus, Gelage, Spiel und Tanz an. Der Sieger behauptete seine führende Stellung das ganze Jahr hindurch. Aber der Wettlauf am Frühlingsfeste hatte noch eine andere, grausame Bestimmung. In der Urzeit wollte man den Regen und Segen spendenden Tius auch ein Menschenopfer bringen. Wer von der Gemeinde zum Heile des Ganzen sein Leben hergeben sollte, ward durch das Los oder gleichfalls durch ein Wettrennen entschieden: es war der Unglückliche, der zuletzt ans Ziel gelangte. Ursprünglich nackt, später in Birkenlaub gehüllt und bekränzt wie ein Opfertier ward er in dem Zuge, an dessen Spitze der Sieger ritt, am Schlusse mitaufgeführt und von der Brücke in das Wasser geworfen. Reste dieses uralten Menschenopfers am Frühlingsfeste des schwäbischen Ziu, des bajuvarischen Eru, haben sich unter dem Namen Wasservogel in Schwaben und Bayern bis heute erhalten. Der Umzug des Wasservogels und des laubbekränzten Regenmädchens sind Reste eines großen Frühlingsfestes, das den für das Wachstum nötigen Regen durch Darbringung des Höchsten, eines Menschenlebens, vom Himmelsgotte erwirken sollte“. (P.Herrmann, Deutsche Mythologie)

Wurzelt in dem Todesurteil des Wurmlinger Pfingstbutz diese Darbringung eines Menschenlebens, um die Götter gnädig zu stimmen? Gipfelt hierin des Pfingstbutz Gestalt, ist dies sein wahrer Sinn? Im Spruch des Henkers heißt es an Pfingsten u.a.: Ich bin als Henker zu dir bestellt, das Todesurteil ist dir schon gefällt: deinen Kopf muss ich dir herunter hauen, dann kannst dein Glück auf Ehren bauen. Obige Vermutung wird durch die Zeilen des Henkers untermauert.

Aus der Gemeinde Wassenweiler am Kaiserstuhl wird berichtet, dass den Abschluss des dortigen Pfingstspiels ein Brunnenbad des Pfingstdreck zierte. Auch in Meersburg am Bodensee wurde der Pfingstbutz ins Wasser geworfen. Beim Pfingstritt in Bettringen bei Schwäbisch Gmünd musste der Pfingstlümmel ins tiefe Wasser steigen. Andernorts ist der Spruch, welcher den Pfingstbutz verurteilt, zu lesen „ Der Mann hat keine Gnad zu finden / Er muss ins Wasser versinken“. An anderer Stelle heißt es: Je nasser der Pfingstl, desto fruchtbarer sollte sich das Jahr gestalten. Wilhelm Mannhardt erzählt 1875 die Begebenheit: „ Der feierlich eingebrachte heißt Pfingstlümmel, Pfingsthansl, Pfingstling oder Pfingstl , gemeinhin aber Wasservogel, weil er fast durchgehend vor jeden Hause, von der Schwelle der Haustür aus oder vom ersten Stock herab mit Kübeln Wasser beschüttet wird; oder man wirft ihn eine Brücke hinab in den Bach oder Fluß, taucht ihn dreimal in den Brunnentrog, oder läßt ihn in den Bach hineinreiten, zieht ihn dort von Pferde und steckt ihn ins Wasser“.

Durch dieses Bespritzen mit Wasser sowie das Eintauchen unseres Pfingstdreck glaubte man Regen herbei zaubern zu können. Die oben zitierten Überlieferungen gehen zweifelsfrei weit hinauf in die Geschichte. Hier kommt der eigentliche, hier kommt der tragende Sinn dieses Brauches voll zur Geltung. Und wer sich fragt, wo das Wettreiten seinen Ursprung hat, findet hier die Antwort: Die Ermittlung des Pfingstdreck oder Pfingstbutz ist das Wettreiten. Heute ist dies natürlich ganz anders. Es badet keiner mehr im Brunnen um dem Regenzauber gerecht zu werden, auch der Pfingstbutz wird nicht mehr wie damals ermittelt. So musste freilich das noch vorhandene Wettreiten an anderer Stelle platziert werden, zusammen mit dem freigewordenen Maienbaum. Obige Zeilen lassen deutlich den für Wurmlingen auch seiner Zeit gekannten Pfingstdreck erkennen. Es erfordert keine allzu große Betrachtung des früheren Brauches zur heutigen Aufführung, um die nicht unwesentliche Änderung zu bemerken. Lediglich die Grundbestandteile wie Pfingstbutz und Maien sind noch erhalten sowie das volkstümliche und tiefgründige Wort: „ Pfingstdreckreiten“. Man kann den Sinn des Pfingstbutz in einem Vegetationsdämon sehen, mit dessen Hilfe alljährlich die Zeremonie des Regenzaubers ausgeführt wurde, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu fördern, damit die Ernährung im Glücksfalle gesichert war. Der Beweis, dass hier in Wurmlingen der Pfingsdreck in ähnlicher Weise herhalten musste kann leider nicht erbracht werden. Doch ist es leicht vorstellbar, dass auch der Wurmlinger Pfingstbutz am vormaligen Brunnen beim Gasthaus Rössle oder am damaligen oberen Brunnen bei Gasthaus Adler dem Regenzauber dienlich war. Die ehemalige Brunnenstube im Brunnring mag vielleicht auch Anlaufstelle des damaligen grünen Gesellen gewesen sein. Vorstellbar wäre auch solche Prozedur des Badens im örtlichen „Schmittenbach“.

Johannes Künzig schreibt im Jahre 1958 über den Pfingstbrauch: „…der Pfingstdreck schlummert im Wald, wird aufgefunden, ins Dorf geführt – und dort muss ihn ein Brunnenbad reinigen und vollends erwecken. Wie naheliegend wäre es nun gerade für die Vorstellungskraft der Hirtenburschen, den langsam sich einstellenden Sommer, dem auf die Beine geholfen werden soll, in der Gestalt des Langschläfers darzustellen“.

Auch hier wird der Pfingstbutz als Langschläfer beschrieben der ins Brunnenbad muss. Die Rosshirten – sie standen in der Hierarchie der Hirten ganz oben - waren früher diejenigen, die den Pfingstbutz im Dorf herumführten und das Wettreiten durchführten. Heute sind es die 19 und 20 jährigen Burschen. Der oben erwähnte Aspekt des einstellenden Sommers, welcher eine Winteraustreibung vermuten lässt, verlangt noch einige Worte der Erläuterung. Die endgültige Verabschiedung des Winters und die Darstellung des wiedererwachten Sommers ( das alte Volksbrauchtum kannte nur zwei Jahreszeiten ) ist gerade beim Wurmlinger Pfingstritt heute noch, jedoch arg verschwommen, zu erkennen. Der Pfingstbutz gibt seine Charaktereigenschaften zur Deutung preis:

Hier kommen wir nicht vorbei aus der Überlieferung zu schöpfen. Ernst Maier erzählt 1852 u.a. vom Wurmlinger Pfingstritt. „Nach dem Mittagessen werden die Pferde gesattelt und der Zaum sowie die Mähnen mit schmalen seidnen Bändern von rother, grüner und hellblauer Farbe geschmückt, dann reitet die ganze Gesellschaft unter Anführung von zwei blasenden Trompetern in den Wald. Hier schneidet man laubige Eichenzweige und hüllt einen Burschen von Kopf bis zu den Füßen darin ein… Ferner macht man diesem Pfingstbutz einen langen künstlichen Hals und steckt ihm einen Kopf (mit einer Maske) darauf“. Bei Griesinger 1859 heißt es bezüglich des Wurmlinger Brauches. „…und steckte ihm einen Kürbiskopf mit einer Maske darauf“. August Lämmle schreibt in seinem Schwäbischen Pfingstspiel allgemein u.a. „ …der Pfingstbutz wird draußen im Wald ganz in grüne Zweige eingebunden, mit Schellen behängt, er bekommt eine Gesichtsmaske von Tannenrinde und eine hohe Laubkappe“. Im Württembergischen Staatsanzeiger schreibt Birlinger 1858 über den Wurmliger Brauch: „Etwa nach einer halben Stunde erschien der erste Reiter (zurück vom Wald) und meldete die Ankunft der anderen. Der Zug ordnete sich und ging mit dem Pfingstdreck die Laiber herauf der Mindlache (Mönchlache) zu“. Heute wird der Pfingstbutz in Buchenlaub eingebunden, auf seinem langen Hals werden einige frische Eichenzweige befestigt. Die erwähnten Trompeten sind heute noch, allerdings reduziert auf eine, beim Start des Wettrennens vorhanden. Ein Brauchtum das lebt ist eben Veränderungen unterworfen.

Die Erwähnung einer Maske ist hier ein sehr wichtiger Punkt. Eine Larve symbolisiert ja den Winterdämon, den es auf alle möglichen Arten auszutreiben galt. Die Fasnet ist wohl an erster Stelle zu nennen. Bei der Wurmlinger Sitte wird der Pfingstbutz nach seinem Verteidigungsspruch vom Henker geköpft. „Deinen Kopf muss ich dir herunterhauen“ spricht der Vollstrecker und schreitet zur Tat. Griesinger schreibt über den Wurmlinger Brauch: „Den falschen Kopf mit der Maske steckte der Henker in einen mitgebrachten Sack“. So wird hier deutlich wie der Pfingstbutz als Sommergestalt vom Winter getrennt wird. Der Winter dargestellt in der Maske wird endgültig vertrieben mit der scharfen Klinge des Henkers. Um nicht mehr das Tageslicht erblicken zu können wurde die Fratze in den mitgebrachten Sack gesteckt.

Auch der heutige Pfingstbutz wird bei seinem Auftritt geköpft. Nur trägt er jetzt keine Maske mehr auf seinem künstlichen Hals, deshalb ist auch der genannte Sack überflüssig geworden. Den künstlichen Hals ziert heute lediglich ein rotes Band um dem Scharfrichter zu markieren wo er sein Schwert ansetzen muss. Einen weiteren Hinweis auf den Aspekt der Winteraustreibung, auf die Darstellung unseres Pfingstbutz als die Gestalt des Sommers, lässt sich vielleicht folgend noch unterstreichen: Wenn es bei hiesigen Wettreiten keinen Sieger gibt, dann erhält der Pfingstbutz die reich gezierte Trophäe. So bekommt in diesem Falle die Sommergestalt ihr junges im Trieb stehende Natural, den Maibaum zurück. Und so könnte doch oben angestellte Betrachtung jener Grund sein, weshalb bei einem siegerlosen Pfingstreiten unser Pfingstbutz in den Genuss des Siegpreises kommt. So gesehen liegt es doch nahe, dass er als sichtbarer Garant der fruchtbringenden Jahreszeit, er als Verkörperung des Wachstums aus der Erde, jenes Resultat überreicht bekommt, welches die beginnende Fruchtbarkeit des Bodens signalisiert. Keine andere Gestalt beim Pfingstritt am Kapellenberg bringt eine solche Prämisse mit, die diese fundamentalen Züge an sich haften hat. Aus diesem Grunde ist es auch folgerichtig dass der Pfingstbutz beim siegerlosen Rennen den Maien erhält. Dies ist wohl noch ein Relikt, das sich das Wurmlinger Pfingstreiten über die Jahrhunderte der Geschichte herübergerettet und bewahrt hat. Dieser Usus fußt im Gedankengut unserer Vorfahren, die dem Sinnverhalten des Pfingstbutz Rechnung zollten, die dem Pfingstbutz Gestalt und Leben gaben und den Wurmlingern ein schönes Brauchtum hinterließen. Eine Sitte, die noch Attribute von früher verkörpert, welche heute noch zu erkennen sind. Der Pfingstbutz ist eben jene Figur, die an Pfingsten höchste Priorität verlangt. Eine Personifizierung, die dem Pfingstdreckreiten als das Herz im Körper eigen ist. Der Pfingstbutz stellt somit die Gestalt dar, aus der dieses Brauchtum sein Leben alle zwei Jahre neu schöpft. Seine Wesensmerkmale speisen den hiesigen Pfingstritt bei jeder kommenden Aufführung. Der Pfingstbutz ist wahrlich keine Fiktion, er macht mit Recht sein Dasein geltend. Er ist dominierende, markante und alles beherbergende Wahrnehmung bei diesem alten Brauchtumsspiel.

So ist an Pfingstmontag alle zwei Jahre, zur ungeraden Jahreszahl in Wurmlingen Termin für das Auftreten des Pfingstbutz. Die Tatsache, dass dieses Brauchtum heute noch mit Leben erfüllt wird, ist beachtenswert. Viele ähnliche Bräuche an Pfingsten oder im Mai sind schon länger abgegangen und vergessen bzw. nur noch in der Literatur präsent.

Anton Birlinger

  • Zum Pfingstritte (Ein Gedicht zum Pfingstritt von Anton Birlinger)

    Mit freundlicher Unterstützung von Anton Birlinger
    Titel: Der Pfingstbutz
    Autor: Anton Birlinger
    Copyright: © by Anton Birlinger
    eingesandt von Anton Birlinger am:
    Date: 14.03.2011 11:19


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