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Flaschenpyramide
von Peter Benz, Reichenbach
Flaschenpyramide -
(Text und Bilder: Peter Benz, Reichenbach)

Opa Unger bringt Leben in leere Flaschen
Von einem der besonders zu Weihnachten mit Flaschenpyramiden und Geduldsflaschen von sich reden macht
Bis Weihnachten ist noch Zeit. Dennoch bedürfen bestimmte Dinge für die Weihnachts- und Adventszeit einer gewissen Vorbereitung. Kennen Sie eine Flaschenpyramide? Gerade dieser kunsthandwerkliche Gegenstand ist nicht von heute auf morgen gefertigt.

Viel Geduld muss Horst Unger beim Fertigstellen aufbringen. Ein bekannter Spruch sagt: „ Handwerk hat goldenen Boden“. Das traf besonders in der ehemaligen DDR zu. Leute mit handwerklichen Fähigkeiten, egal ob im Beruf oder Hobby, waren überall gern gesehen, zumal der Kunde dann noch eine handwerkliche Gegenleistung auf einem anderem Gebiet bringen konnte.
In Reichenbach/V. wohnt seit vielen Jahren im idyllischen Flecken „An der schönen Aussicht“ der gebürtige Erzgebirgler Horst Unger aus Johanngeorgenstadt. In seiner Heimat hatte er den Beruf eines Schlossers erlernt. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und auch schon Enkel. Darum ist die Bezeichnung Opa Unger treffend. Inzwischen zählt er 71 Lenze.
In seiner Freizeit drechselte er damals Räuchermänner, Weihnachtsengel, Kurrendesänger und andere erzgebirgs- und vogtlandtypische Figuren, die besonders in der Advents- und Weihnachtszeit begehrt waren.
Apropos Weihnachten. Pyramiden aus dem Erzgebirge und Vogtland sind immer noch der Renner in der ganzen Welt. Aber eine Flaschenpyramide ist schon etwas ganz besonderes. Schön der Reihe nach.
Horst Unger war 1996 mit seiner Frau in Geyer. Plötzlich verharrten seine Frau und er vor einem Grundstück. Das aus gutem Grund. Auf einem Zaun standen Flaschenpyramiden. Der Hauseigentümer bat die Leute aus dem Vogtland einzutreten. So lernten beide die „Zwiebel“ von Geyer kennen. Das ist der Spitzname für dieses Original. Sein bürgerlicher Name ist Horst Günther.
Horst Unger stellte sich der inzwischen leider verstorbene Horst Günther nur als „Zwiebel“ vor.
Eine kleine Auswahl von Horst Ungers Flaschenpyramiden Horst Unger versprach dem Künstler, dass er das auch machen wird. Die Zwiebel erklärte ihm die notwendigen Handgriffe. In der ersten Zeit half ihm seine Frau mit. Jetzt begleitet sie ihm nur noch zu Ausstellungen. Das sind zum Beispiel Weihnachts- oder Pyramidenausstellungen in Annaberg im Erzhammer bzw. Malzhaus Plauen und Johanngeorgenstadt. Der weiteste Ausstellungsort befand sich in Grevenbroik bei Köln. Öffentliche Fernsehauftritte gab es auch schon. So zum Beispiel im MDR beim Musikantenkaiser 2003 und in der Wernesgrüner Musikantenschenke sowie Im Erzgebirgs- und Vogtlandfernsehen.
Dort erklärte er genauso wie mir, dass die Geschichte der Flaschenpyramide noch weitestgehend unerforscht sei. Eine Überlieferung besagt, dass der Bergmann nach der Heimkehr aus dem Schacht Durst hatte. Also trank er ein Gläschen Schnaps. Als er die Flasche später leer hatte, war sie ihm zum Wegwerfen zu schade.
Darum stattete er sie mit volkstümlichen Figuren aus und setzte selbige mit einer Kurbel in Bewegung. Aber da hatte er keine Hand frei, um sich noch einen einzuschenken. Er setzte Flügel drauf und trieb die Pyramide mit brennenden Kerzen an.
Wie kommen die Figuren in die Flasche hinein? Eine ähnliche Frage haben sich die Leute bei den Buddelschiffen gestellt. Aber da ist es etwas anders. Opa Unger erklärte, dass alles durch den Flaschenhals gebracht wird.
Die Teile werden mit Bindfäden, Stricken und Drähten hineingeschoben. Pinzetten werden nicht verwendet, denn sie gehen in der Flasche nicht mehr auf. Sämtliche Etagen und Figuren werden durch die Engstelle an Ort und Stelle gebracht.
Dann gibt es noch die Geduldsflaschen. Scherzhaft sagt der Künstler: „Geduld ist aller Flaschen Anfang“. Mit Geduld und Fingerspitzengefühl werden die Erzgebirgsfiguren (Motive aus dem Erzgebirge und Vogtland) in jede Flasche gesteckt. Besser gesagt, er lässt die Gestalten durch große und kleine Hälse hineingleiten. Schnaps, Likör- und Weinflaschen, die allerdings ohne Beschriftung und durchsichtig sein müssen oder ja sogar Glühbirnen werden zu neuem Leben erweckt.
Die Rohlinge bezieht Opa Unger aus Seiffen, verarbeitet und bemalt sie entsprechend. Neben der handwerklichen Tätigkeit gehört auch eine gehörige Portion Organisationstalent dazu. Und diese Eigenschaft besitzen ja viele ehemalige DDR-Bürger.
100 bis 150 Stunden arbeitet der Hobbykünstler an eine Flasche. Das Geld spielt dabei eine untergeordnete Rolle.
Anhand eines Fachbuches erläutert er den Begriff. Flaschenpyramiden sind Geduldsflaschen, aber keine Eingerichteten. Als eingerichtete Geduldsflaschen bezeichnet man Erzeugnisse der Volkskunst, bei denen themenbezogene Schnitzereien in das Innere von zuletzt kunstvoll verschlossenen Glasflaschen eingebracht werden. Die Flasche bildet somit eine selbstgewählte hohe handwerkliche technische Hürde für den Schnitzer. Im Vergleich zur traditionellen holzgeschnitzten Pyramide ist der Schwierigkeitsgrad um einiges höher. In einer jeden Flasche besteht daher die vom Hersteller betonte Schwierigkeit und scheinbare Unmöglichkeit des Einbringens der einzelnen Bauelemente, die größer als der Innendurchmesser des Flaschenhalses sind.
Die zerlegten oder aufgeklappten Einzelteile müssen deshalb gut geplant im Flascheninneren zusammengesetzt und mit Dübeln, Bolzen oder Kleberverbindungen aufgebaut werden. So werden eingerichtete Flaschen hergestellt.
Flaschenpyramiden sind eine ganz andere Mach- und Bauart.
Horst Unger ist weit und breit der Einzige (das bezieht sich nur auf das sächsische Vogtland), der noch Geduldsflaschen herstellt.
Flaschenpyramiden stellte dagegen auch noch die Zwiebel von Geyer her.

Sollten Sie im Rahmen von Weihnachtsausstellungen auch eine Flaschenpyramide entdecken, so könnte Opa Unger aus Reichenbach der Hersteller sein. Ein Exemplar befindet sich zum Beispiel im Museum von Rodewisch und auch im Besucherbergwerk Tannbergsthal.. Der Künstler wusste noch viel mehr aus dem Leben einer Schnapsflasche zu erzählen. Den Inhalt von all den Gefäßen hat er nicht allein ausgetrunken. Mitunter findet er diese Bastelutensilien oder bekommt sie geschenkt.
Besucher sind nach vorheriger telefonischer Anmeldung bei der Familie Unger stets herzlich willkommen (Tel. 03765/718795).
Peter Benz

Bildtexte:
004= Eine kleine Auswahl von Horst Ungers Flaschenpyramiden.
016= Viel Geduld muss Horst Unger beim Fertigstellen aufbringen.
Fotos: PB


Inhalt mit freundlicher Unterstütztung von Peter Benz
Titel: Flaschenpyramide
Autor: Peter Benz
Copyright: Peter Benz, 08468 Reichenbach
gepostet von Peter Benz am 02.04.2012 13:30
E-Mail: klauspeterb (at) t-online.de

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