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Buerbeer-Fest
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Das Böseler "Buerbeerfest" und seine Geschichte

Vortrag am St. Georgstag, den 23. April 1981 -
gehalten durch Pastor Grützner - in der St. Georgskirche zu Bösel
 

Klick mich zum vergrössern 1. Geschichtliche Vorbemerkungen

Die älteste Erwähnung des Ortsnamens "Bösel" finden wir in der Kalandsakte von 1329, in der die Kirchenjuraten der Kirchengemeinde Bösel als "membra" der "societaet calandis" bezeichnet werden, das heisst, dass die Kirchenrechnungsführer als Mitglieder der Kalandsbruderschaft bezeichnet werden. Die Kalandsbruderschaft war ein Zusammenschluss von Adligen, die Ackerland unter die Verwaltung der Kirchengemeinden gegeben hatten, um von dem Pachterlös Wohltätigkeitsaufgaben zu erfüllen. Von solchen Pachterlösen wurde zum Beispiel in Lüchow der "Georgshof" gegründet und unterhalten, an dessen Standort uns noch heute die Georgsstraße in Lüchow erinnert. An den ehemaligen Sitz des Kalands, der noch bis vor hundert Jahren in Form einer Wohltätigkeits-Stiftung bestand, erinnert uns die Kalandstraße am Glockenturm. Der würdige Nachfolger des ehemaligen Georgshofes ist das heutige "Altenheim St. Georg".
Der Name rührt daher, dass St. Georg der Namenspatron des Adels war. Weil das Böseler Acker- und Weideland zur Hälfte aus Domänenbesitz des Lüchower Adels bestand, erhielt auch die Böseler Kirche als Schutzpatron den hl. St. Georg zugedacht.
Der hl. St. Georg wird in der Legende als einer bezeichnet, der einen Drachen getötet hat. Doch ist in dieser Deutung mehr eine Symbolik zusehen und zwar der Gedanke der "Abwehr gegen das Böse und Bedrohliche"! Die Böseler Kirche, wie sie sich in ihrer wuchtigen Feldsteinbauweise präsentiert, verkörperte auch in den Herzen der Menschen jener Zeit den "Schutz vor dem Bösen". 

Klick mich zum vergrössern 2. Geschichtliche Deutung des Buerbeerfestes

Das Buerbeerfest war früher in heidnischer Zeit eine so genannte Feld- und Flurprozession, wo man versuchte, durch die Umgehung der Felder den göttlichen Schutz für die Saaten zu erringen. In katholischer Zeit wurde die Umgehung fortgeführt, doch nun, unter dem Gesichtspunkt, dass man nun den Christengott um den Schutz für ­Saaten bat. Selbst anfangs der evangelischen Zeit wurde sie noch durchgeführt, denn in der ersten Lüneburgschen Kirchenordnung von 1527 wurde sie noch als so genannte "hyllige Dracht" (heilige Tracht) aufgeführt. Bereits zu katholischer Zeit legte man die heilige Tracht auf den Namenstag des heiligen St. Georg, den 23. April, an dem auch anschließend an die Feldumgehung das Kirchweihfest des Dorfes gefeiert wurde. In evangelischer Zeit hat man dann die Feldumgehung in einen so genannten Bittgottesdienst gegen Unwetterschäden, auch "Hagelpredigt" genannt, umgewandelt.
Der Zeitpunkt des Festes, das Wochenende nach dem St. Georgstag, hat sich bis heute erhalten. 

Klick mich zum vergrössern 3. Bräuche des Festes

Opfergaben: Eier und Braunbier!

Bis vor nicht allzu langer Zeit war es üblich, dass von jeder Feuerstelle des Dorfes dem Pastor sechs Eier entrichtet wurden. Dieser Brauch ist heidnischen Ursprungs. Das Ei ist die "Urzelle des Lebens" und damit das Symbol der Fruchtbarkeit. Es wurde zur Erlangung der Fruchtbarkeit für Frucht und Vieh geopfert. Der Sinn des Opfers war jedoch nicht, dass der Pastor die Eier für sich behielt, sondern dass sie, nachdem sie auf dem Altar dargebracht worden waren, dem Volke wieder zurückgegeben wurden. Dieses sollte dann die Eier in einem frohen Ritus gemeinsam verzehren, so dass alle Bewohner des Segens der Opferung teilhaftig würden.
Man hat den Brauch in der Weise gepflegt, dass man die Eier in Braunbier (Weizenbier) schlug und dann als so genanntes Eierbier trank. Die Verwendung von Bier ist auch alten heidnischen Ursprungs.
Das Bier ist zu vergleichen mit dem "Met" (Honigbier) unserer heidnischen Vorfahren. Der Genuss von Honigbier bedeutete für sie körperliche Erfreuung und körperliche Stärkung. Das gehörte auch zum Opfergedanken. In dem Genuss von Eiern und Bier sehen wir die beiden Hauptanliegen der ländlichen Bevölkerung:

  • 1. Der Genuss von Eiern =
    Die Bitte um Fruchtbarkeit für Feld und Stall!
  • 2. Der Genuss von Braunbier =
    Die Bitte um körperliches Wohlergehen und körperliche Freude!

Dass die ganze Dorfgemeinschaft an dem Segen teilhaben sollte, sehen wir an der alten Gepflogenheit, dass man auch die Kinder von dem Bier trinken ließ.
Da es sich bei den Eiern und dem Bier um geopferte Gaben handelte, konnten sie nicht mehr zurückgenommen werden, denn was geopfert ist, das ist geopfert! Darum musste alles bis zum letzten Rest ausgetrunken werden. Daher rührt auch der im Volksmund übliche Spruch.
"Wenn nicht alles ausgetrunken worden ist, dann bringt das kein Glück!" Auch beim Böseler Buerbeerfest finden wir diese Sitte in fröhlicher Weise wieder.

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Der Brauch der Verkleidung

Seit alters her wurde im Böseler Festzug auch ein verkleidetes. Brautpaar in einem Wagen einhergeführt. Auch hier dürfen wir einen alten Fruchtbarkeits-Ritus sehen, der in dieser Verkleidung zum Ausdruck kommt. - Es wird berichtet, dass mitunter auch Männer in Frauenkleidern verkleidet mitzogen.
So hat überhaupt die Verkleidung der Festzugteilnehmer und ihrer Wagen eine alt hergebrachte Bedeutung:
Bereits die alten Fruchtbarkeitsprozessionen wurden verkleidet vorgenommen. Diese Verkleidung hatte für die Bevölkerung "zweierlei" wichtige Gründe:

    1. Grund: Der Gedanke des Wunsches um Fruchtbarkeit!
    2. Grund: Der Gedanke der Abwehr gegen böse Beeinträchtigung!

    1. Die erste Aufgabe fiel den Mädchen und Frauen zu. Sie trugen Kränze aus verschiednen Kornsorten, hatten ihre Kleider mit Fruchtsorten behangen und mit Fruchtbarkeitssymbolen bestickt.

    2. Die zweite Aufgabe fiel den Männern zu. Sie sollten durch den so genannten Mummenschanz den verspäteten Einbruch des Winters abwehren und unerwünschte Nachtfröste abwehren.

Auch heute noch sind diese beiden Grundanliegen in der Gestaltung der Festumzüge erkennbar.

    1. Der Gedanke des Wunsches!
    Man wünscht sich viele Dinge. Man wünscht sich Dinge für das eigene Leben. Man wünscht sich auch Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Diese Wünsche kommen in manchen Verkleidungen zum Ausdruck.

    2. Der Gedanke der Abwehr!
    Man möchte manche Dinge nicht. Sie missfallen einem. Man ärgert sich über manche Umstände. Die Abwehr dagegen bringt man in der Verkleidung zum Ausdruck. Doch macht man seinem Unwillen nicht mehr wie in alter Zeit Luft, indem man das Missliebige verteufelt, sondern indem man es verulkt und verspottet!

Klick mich zum vergrössern 4. Die Regeln des Festes

Die Bezeichnung "loaft beer"!

Die im Volksmund früher noch übliche Bezeichnung "loaft beer" heißt soviel wie "gelobtes Bier" oder "versprochenes Bier". Nach der alten Überlieferung hat das folgende Bedeutung:
Als man es einmal in alter Zeit mit dem Fest und der damit gemeinten Opferfeier nicht so ernst genommen hatte und das Fest einmal absetzte, wurde die ganze Saat durch den Hagel zerstört. Man fasste das als Strafe Gottes auf, und gelobte Gott hinfort, das Fest regelmäßig zu feiern. - Die Chronik berichtet, dass man zur Zeit der Kriegsnot durch die französischen Besatzungstruppe 1813 das Fest einmal ausfallen lassen wollte, da äußere Not dazu bewog. Da erinnerte man sich an das gegebene Versprechen und blieb bei der Beibehaltung des Festes. - Überhaupt hatten die Wenden die Gepflogenheit, sich durch Notzeiten nicht vom Feiern abbringen zu lassen. Das wurde ihnen oft übel angekreidet und man bezeichnete sie als verschwenderisch und ausschweifend. Doch wenn man dieses Verhalten tiefer betrachtet, so muss man eingestehen, dass dahinter eine gute Portion gesunden Menschenverstandes steckt. Wie kann man schwierige Zeiten überstehen, wenn man sich nicht mehr freuen kann? Ja gerade die Freude befähigt die Menschen, auch notvolle Zeiten zu durchstehen. So kann man die Wenden verstehen, wenn sie lieber vorher und nachher den Gürtel etwas enger schnallen, um ihre Feste richtig feiern zu können.
Zu dem eingangs erklärten Versprechen gehörte es, dass am Buerbeerfest (St. Georgstag) nicht gearbeitet werden durfte, denn dieser Tag warGott versprochen. Die Entweihung dieses Opfergedankens wurde dadurch geahndet, dass der, der an dem Tage arbeitete, eine halbe Tonne Bier spendieren musste, die dann bei der "Nachköst" (Nachfeier) ausgetrunken wurde. Falls der Übertreter nicht spendieren wollte, wurde er ge­pfändet. Ebenso musste er das Bier mit den anderen zusammen austrinken. Falls er es nicht wollte, wurde er zum Austrinken gezwungen, um so den versäumten Opfervorgang nachzuholen. 

Der Gedanke der Bereinigung!

Mit dem neu hereinbrechenden Frühjahr war auch der Gedanke der Bereinigung verbunden. Man rüstete sich zu einem neuen Anfang in Feld, Flur, Haus und Hof. Das drückte sich besonders in dem Brauch aus, dass kein ungehaktes Abraumholz mehr auf dem Hofplatz herumliegen durfte. Wer es dennoch nicht schaffte, sein Holz zu verstauen, der musste seinen Holzhaufen mit weißen Laken abdecken. Wer das versäumte, wurde damit bestraft, dass man ihm einen weißgekalten Strowisch (Reiserbesen) auf den Holzstoß steckte, oder auch eine weiße Fahne ans Hoftor band. Auch das weißkalken des liegen gebliebenen Haufens war nicht ausgeschlossen. Die Alten erzählen, dass es auch üblich war, die "Dönsen" (Schlafkammern) und Ställe zum Buerbeerfest neu zu kalken.
Im kirchlichen Bereich fand der Reinigungsgedanke darin seinen Ausdruck, dass der St. Georgstag immer mit einem Gottesdienst begonnen wurde und seit alter Zeit (bereits katholischer Zeit) mit einer Abendmahlsfeier beschlossen wurde. Ich habe hier die beiden ältesten Abendmahlskelche der Kirchengemeinde und zwar aus den Jahren 1330 + 1360. Der Kelch, der mit den Lilien der Ritter, mit der so genannten "St.-Georgslilie" verziert ist, gehört nach Bösel.
Die Abendmahlsfeier hatte meines Erachtens (unter anderem) den Sinn, dass das Verhältnis untereinander wieder bereinigt werden sollte.
Alte, im Laufe des Jahres angesammelte Zwistigkeiten, sollten bereinigt werden,  sodass man sich wieder froh in die Augen schauen konnte. Man war sich darin einig, dass man nur froh miteinander feiern kann, wenn Streit und Unfriede begraben ist. - Auch heute noch, entdecke ich bei dem Fest den Zug, dass beim gemeinsamen Feiern Zwistigkeiten begraben werden - und die Gemeinschaft des Dorfes neu gefestigt und gestärkt wird! 

Klick mich zum vergrössern 5. Die Feier des Festes

Das Fest wurde früher in drei "Klumps" (Haufen) gefeiert und zwar der alten Bezeichnung nach in dem "Kark'schen Klump" in dem "Baben'schen Klump" und in dem "Köttel'schen Klump". Diese Einteilung hängt meines Erachtens mit den alten Hörigkeitsverhältnissen der Höfe zusammen. Bösel gehörte früher unter drei Herren, den Herrn von Wustrow, den Woltersdorfer Herren von Knesebeck und der Lüchower Domänenverwaltung. Wahrend der große Festzug gemeinsam ausgerichtet wurde, feierte man innerhalb des Klumps für sich. In jedem Klump wurde von Jahr zu Jahr immer auf einem anderen Hofe gefeiert. Der betreffende Gastgeber hatte jedoch die Last der Beköstigung nicht alleine zu tragen,
sondern der ganze Klump steuerte dazu bei, dass das Fest ausgerichtet werden konnte. - Sinnvoll war schon deshalb die Aufteilung in Klumps, da die ganze Dorfbevölkerung wohl kaum auf d. Diele eines Hofes Platz gefunden hätte. - Heute, da man eine Gastwirtschaft mit Saal hat, feiert das ganze Dorf gemeinsam in der Dorfgastwirtschaft.
Dennoch hat sich die Einteilung in einzelne Gruppen nicht "aufgelöst, aber es haben sich neue Aufgaben für die Gruppen ergeben.
Jede Gruppe entwickelt eine eigene Idee für einen Festwagen, die vor den anderen geheim gehalten wird. Sie trägt die Kosten für den Wagen und die Verkleidung und stellt alles in gemeinsamer Arbeitsleistung her. Dazu muss man sich öfters treffen, was das Gemeinschafsbewusstsein innerhalb einer Gruppe sehr stärkt. Es bilden sich Freundschaften, die sich auch im Alltag bewähren. Dadurch wird ein Stück dörfliches Gemeinschaftserleben praktiziert. Die Gruppe feiert auch die "Nachköst" (Nachfeier) gemeinsam und setzt dabei gleichzeitig den Anfang zu neuen gemeinsamen Aktivitäten.
Um einen festen Rahmen für die organisatorischen Aufgaben des Festes finden zu können, hat sich 1973 ein Buerbeerverein gebildet.
Von den Mitgliedern zahlt jeder Haushaltsvorstand = 10.00DM und jedes Familienmitglied über 16 Jahre = 5.00DM pro Jahr in die gemeinsame Kasse. Davon werden Unkosten, wie Saalmiete, Anwerben einer Kapelle und andere Dinge bestritten.
Der Stadtrat der Stadt Lüchow erkennt den gemeinschaftsfördernden Wert des Festes und unterstützt das gemeinsame Unternehmen mit einem jährlichen Zuschuss von 600.00DM. Er tut das in der netten Weise, indem zur Eröffnungsversammlung Bürgermeister und Stadtverordnete kommen und in einer freundlichen Begrüßung das Geld überreichen.
Anschließend hält der Vereinsvorsitzende die Festansprache in plattdeutscher Sprache. Dann beginnt die Musik aufzuspielen und die Honoratoren vereinigen sich zum Ehrentanz. Das muntere Volk der Jungen und Alten lässt nicht lange auf sich warten und reiht sich freudig mit ein.
Der zweite Tag ist erst einmal den Kindern vorbehalten mit einem Kindertanz am Nachmittag. Der Abend ist dann dem Tanz mit allen Freunden und Bekannten aus Nah und Fern zugedacht.
Der dritte Tag bildet dann den Höhepunkt des Festes mit dem lang vorbereiteten Festumzug. Den Abend lässt man gemütlich ausklingen.
Eine Woche später treffen sich die Aktiven noch einmal zu einer Nachfeier, in der nach altem Brauch das Übriggebliebene an Spenden, Naturalien und Getränken verfeiert wird.
Nachwort: Man täte fehl daran und würde das Fest zu gering einschätzen, wenn man es nur in die Reihe der allgemein üblichen Feste einreihen würde. Seine eigentliche Bedeutung ist seine gemeinschaftsfördernde Wirkung, die bei dem heutigen Verfall mitmenschlicher Beziehungen unendlich wichtig ist. Dieser Wirkung wegen ist es auch so beliebt und wird von allen gepflegt und mit immer neuen Ideen bereichert.
Das Schöne ist, dass jeder Fremde und Zugereiste in die frohe Gemeinschaft mit hineingekommen wird. Wer glaubt, dass traditionelle Gepflogenheiten zum Sterben verurteilt sind, der darf das ganz bestimmt nicht vom Böseler Buerbeerfest sagen!

Inhalte mit freundlicher Erlaubnis von
vom Buerbeerverein Bösel
webmaster@buerbeer.de - http://www.buerbeer.de/

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