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Der Basler Lällenkönig
von Albert Spycher-Gautschi, Basel

Das Basler Rheintor nach einem Aquarell im Staatsarchiv Basel-Stadt - Klick mich zum Vergrössern

Der Basler Lällenkönig
Text und Bildauswahl: Albert Spycher-Gautschi, Basel

Zum Geschichtlichen
Städte werden von Touristen gerne mit lokalhistorischen Sehenswürdigkeiten identifiziert: Vom Kölner Rathausturm herab streckt mit jedem Stundenschlag der "Platzjabbeck" die Zunge heraus, während in Jena der "Schnapphans" pünktlich das Maul aufreisst. Unter den Rheinstädten hat Koblenz den "Augenroller" und Basel einen "Lällenkönig". Reiseschriftsteller berichteten über ihn, und wenn ein Seidenbandweber aus dem Baselgebiet oder ein Elsässer Bauer in der Stadt zu tun hatte, nahm er gerne einmal seinen Buben mit. Nach getaner Verrichtung führte er ihn zum Grossbasler Brückenkopf, wo das trutzige Rheintor den Zugang zum grösseren Stadtteil sicherte. "Schau dort hoch oben den Lällenkönig, wie er die Zunge reckt und die Augen rollt." (Bild 1)

Die Original-Lällenkönig-Maske im Historischen Museum Basel - Klick mich zum Vergrössern Kulturhistoriker hätten dem Jungen erklärt, dass der Name dieses merkwürdigen Bekrönten von "lellen" oder "lallen" im Sinne von "stammeln, ungelenk sprechen" herstammt. "Lälli" steht in Basel mundartlich für Zunge, und Maulhelden haben dort "eine grosse Lälle". Je nach bewegten oder friedlichen Zeitläuften schrieb man diesen Figuren bald "apotropäische", das heisst abschreckende und abwehrende Wirkung, oder aber mehr oder weniger harmlose Spottgebärden zu.

In Basler Ratsprotokollen zwischen 1639 und 1642 ist nachzulesen, dass dem Augsburger Wachsbossierer (Wachskünstler) Daniel Neuburger zu zweien Malen gestattet wurde, dem staunenden Publikum "mit grossen costen zur hand gebrachtes künstliches uhrwerck" vorzuführen. Die Obrigkeit liess sich von Augsburgers Spieluhren offenbar beeindrucken, sodass der in jenen Jahren entstandene "Lällenkönig" diesem Meister zugeschrieben werden kann. Die etwa 26 x 31 Zentimeter messende bemalte und bekrönte Kupfermaske war ursprünglich mit dem Pendel der rheinseitigen Turmuhr verbunden, der den Mechanismus für die Gebärden des Lällenkönigs in Gang setzte. Im Jahr 1697 konstruierte Stadtuhrmacher Jakob Enderlin eine separate Vorrichtung, "damit sowohl die Uhr als die Zunge des Lellenkönigs ihren freyen Gang haben". (Bild 2)

Einer von zwei steinernen Lällenkönigen über dem Restaurant "In unermüdlichem Gleichklang seines Mechanismus", so schrieb der Basler Stadthistoriker Paul Koelner, "produzierte der Lällenkönig unentwegt seine Kapriolen als derselbe stumme schreckhafte Zeuge, ob nun der Scharfrichter sich anschickte, eine Kindsmörderin im Rhein zu schwemmen (zu ertränken), oder ob wie Anno 1813 der Hufschlag struppiger Kosakenpferde und der Marschtritt alliierter Heerscharen die alte Brücke erdröhnen machte". Bedeutung und Biographie dieses Turmwächters werden unterschiedlich interpretiert. Mit der Königskrone soll er die Überlegenheit Grossbasels gegenüber dem "minderen" Kleinbasler Stadtteil am rechten Rheinufer demonstriert haben. Für Handwerksburschen waren Rheintor und Lällenkönig ein Merkpunkt auf der Wanderschaft. Bei den Staatsumwälzungen um 1798 wurde die Fratze als verpöntes Symbol des Ancien Régime aus diplomatischen Gründen vorübergehend magaziniert. Auch dem deutschen Schulmann J.H. Campe war sie ein Dorn im Auge. Man müsse "diesen dummen Witzeleien ein Ende machen und dem hässlichen Kopf die Zunge ausreissen", ereiferte er sich.

Basler Leckerli-Dose, um 1930 gestaltet vom Basler Künstler Niklaus Stoecklin, Privatbesitz - Klick mich zum Vergrössern Der Zahn der Zeit hatte Spuren am Rheintor hinterlassen, das auch als "Keefi" (Käfig, Gefängnis) und dem Gerichtsknecht als Unterkunft diente. 1830 forderten Anwohner von Bürgermeister und Rat den Abbruch des baufällig gewordenen Turms, weil "durch die Gegenwart dieses steinernen unnützen Gastes widrige Feuchtigkeit in die benachbarten Häuser dringe". Im Zuge der Niederreissung von Stadtbefestigungen waren 1839 die Abbrucharbeiten am Rheintor im Gange. Eines Tages berichtete das der Stadt nicht gut gesinnte "Basellandschaftliche Volksblatt", der Lällenkönig sei gestohlen worden, und die Polizei sei "in voller Thätigkeit, diesen unerhörten Diebstahl zu entdecken". Der Verfasser dieses Beitrags stiess Jahre nach dem Erscheinen seines "Lällenkönig"-Buchs durch puren Zufall auf den Wahrheitsgehalt jener Zeitungsmeldung. Ein Kleinbasler Steinmetzmeister hinterliess in der Basler Univeritätsbibliothek aufbewahrte Tagebuchnotizen, wonach Stadtbaumeister Melchior Berri höchstpersönlich den Lällenkönig unter dem Mantel versteckt nach Hause getragen und in Sicherheit gebracht hatte.

Der Lällenkönig als Spielzeugmotiv, Privatbesitz - Klick mich zum Vergrössern In den folgenden Jahrzehnten lag das Schicksal des Lällenkönigs buchstäblich im Dunkeln, bis die Maske um 1860 repariert und später der mittelalterlichen Sammlung einverleibt wurde. Den endgültigen Platz, wenn auch an wechselnden Standorten, fand der Lällenkönig im 1894 eröffneten Historischen Museum, wo er heute noch zu besichtigen ist. Ausserhalb der Museumswände hat er ein reiches und vielfältiges Nachleben. So hängen in der Nähe des einstmaligen Rheintors Nachbildungen über dem Eingang eines Restaurants. (Bild 3) Auf dem Rhein verkehrt das Personenschiff "MS Lällenkönig". Der Basler Kunstmaler und Grafiker Niklaus Stoecklin schuf eine "Basler Leckerli"-Dose mit ausziehbarer Zunge (Bild 4), aus alter Hand entstanden ein Spielzeug-Lällenkönig aus Papier maché und ein reizendes zungenzeigendes Spielwerk, das beim Aufziehen einen Fasnachtsmarsch erklingen lässt (Bild 5). Was Wunder, dass sich auch eine Basler Fasnachtsgesellschaft "Lälli-Clique" nennt.

Nicht vergessen seien die Verwandten dieses Basler Stadtwahrzeichens in der elsässischen Nachbarschaft. Vom Erdboden verschwunden ist seit einiger Zeit die furchterregende Maske des Rufacher "Kirchenlalli". Ein in Sandstein gehauener "Lallenkönig" thront über dem Balkon des Neu-Breisacher Hôtel de Ville. Sehenswert sind auch der "Stubenhansel" am Rathaus von Benfeld zwischen Schlettstatt und Strassburg sowie der "Rothüsmann" (Rathausmann) oder "Jacobin" über der Rathausuhr der unterelsässischen Biermetropole Mutzig.

Bildlegenden und Nachweise:

  1. Das Basler Rheintor nach einem Aquarell im Staatsarchiv Basel-Stadt (Sign. ID 93770)
    Reproduktion Albert Spycher-Gautschi
  2. Die Original-Lällenkönig-Maske im Historischen Museum Basel
    Foto: M. Babey
  3. Einer von zwei steinernen Lällenkönigen über dem Restaurant "Churrasco" (früher Restaurant "Lällenkönig") an der Schifflände.
    Foto: Albert Spycher-Gautschi
  4. Basler Leckerli-Dose, um 1930 gestaltet vom Basler Künstler Niklaus Stoecklin, Privatbesitz
    Foto: Albert Spycher-Gautschi
  5. Der Lällenkönig als Spielzeugmotiv, Privatbesitz
    Foto: Albert Spycher-Gautschi
  6. Buchumschlag

Albert Spycher: Der Basler Lällenkönig - seine Nachbarn, Freunde und  Verwandten. 166. Neujahrsblatt GGG, Basel 1987. Empfohlene Literatur:

  • Albert Spycher: Der Basler Lällenkönig - seine Nachbarn, Freunde und Verwandten. 166. Neujahrsblatt GGG, Basel 1987.
Titel: Der Der Basler Lällenkönig
Autor: Albert Spycher-Gautschi, CH-4055 Basel
Copyright: © by Albert Spycher-Gautschi, Basel
gepostet von Albert Spycher-Gautschi am:
Date: 17.09.2009 11:35

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